#Coronaelternrechnenab – der Versuch einer Einordnung

Letzte Woche ging der Hashtag #coronaelternrechnenab online steil. Kurz zusammengefasst haben dort Eltern, die wegen Corona derzeit ihre Kinder zu Hause betreuen, Rechnungen für diese Betreuung an „die Politik“ gestellt.

Schon ging es heiß her, besonders bei Twitter. Ich habe kurz und knapp (und etwas flapsig) geschrieben, was ich von der Art und Weise halte. Mit meinem followermäßig kleinen Account habe ich damit aber sehr viele Reaktionen und Likes bekommen.

Über 3000 Likes – dazu viele Kommentare drunter. Ich habe gar nicht alles lesen können, geschweige denn reagieren. Vieles darunter war emotional, es wurde diskutiert, es wurde aber auch geschmäht, lächerlich gemacht, polemisiert.

Gestern kommentierte eine der Schafferinnen von #Coronaelternrechnenab meinen Tweet sehr kurz und von oben herab, leider habe ich den Eindruck, dass es mehr um PR ging als um die Suche nach Lösungen. Um dem ganzen aber gerecht zu werden, möchte ich versuchen, die Konflikte, die alleine unter meinem Tweet aufbrachen, zu definieren und in Thesen zu formulieren.

Vorweg: Wir sind sicher sehr privilegiert. Niemand von uns und im Bekanntenkreis ist erkrankt, wir haben unsere Jobs, meine Frau geht Vollzeit arbeiten, ich in Teilzeit. Ich bin seit Mitte März mit den Kindern zu Hause und wir haben viele nette Sachen zusammen machen können – nebenher mache ich aber um die 30 Wochenstunden für meinen Arbeitgeber. Uns geht es gut. Das liegt auch an den entspannten Kindern und dass wir Eltern nach wie vor fast alles gemeinsam wuppen.


These: Eltern verlieren durch Corona Zeit, Geld und Nerven.

Ja, das ist so. Ich habe großes Glück, dass ich ohne großen Reibungsverlust im Home Office weiterarbeiten konnte. Natürlich verliere ich Zeit, mit zwei Kindern zu Hause. Aber das nehme ich in Kauf, wenn dafür die Menschen, die ich kenne, die in einer Risikogruppe sind, gesund bleiben. Glück haben wir auch, dass wir kein Geld verlieren oder um unsere Jobs bangen müssen. Unser Nervlevel mit den Kindern zu Hause ist über die lange Zeit erfreulich gering. Dafür habe ich noch mehr Zeit zu Hause zusammen mit den Kindern.

These: Der Staat stellt Gesundheit über Schulpflicht und Betreuungsanspruch.
Ja, und das erwarte ich als Bürger auch. Leben ist wichtiger als Bildung. Oder wenn man mit dem Grundgesetz hantiert, können Grundrechte eingeschränkt werden, um vorrangigere Grundrechte zu schützen. Für die, die es nicht kennen: Artikel 1: Würde des Menschen; nicht einschränkbar.
Spoiler: Corona ist noch lange nicht vorbei. Die Lockerungen sind ein großes Risiko, die Verschwörungstypen, die ihre Freiheit gefährdet sehen, noch mehr. Ich meine auch von Studien gelesen zu haben, dass Kinder als Überträger des Virus kaum relevant sind. Da stellt sich die Frage, warum tatsächlich nicht einfach geöffnet wird, oder zumindest die schrittweise Öffnung in Aussicht gestellt wird.


These: Eltern wurden während der Schulschließung vom Staat alleine gelassen.

Ja, ganz bestimmt kam das alles sehr überraschend und viele haben nicht die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben oder Home Office zu machen. Mich hat auch gewundert, dass z.B. die Schulministerien in den ersten Wochen kein Konzept entwickelt haben, wie man alle Kinder niederschwellig mitnimmt. Es war ja abzusehen, dass das keine 3-Wochen-Angelegenheit sein wird, sondern dass da mittelfristige Konzepte und Lösungen her müssen.
Die Pflicht sehe ich da aber mehr bei Arbeitgebern, die nicht so wie meiner schnelle, unkomplizierte Lösungen für Home Office oder Freistellung entwickelt haben.

These: Eltern haben nun Anspruch auf Entschädigung.
Ja, bestimmt. Zumindest die überzahlten OGS-Beiträge und das Mittagessengeld.
Corona-Elterngeld hilft manchen vielleicht über verlorenen Job oder fehlende Aufträge hinweg, aber Nerven, Betreuung von kleinen Kindern oder eine digitale Infrastruktur für Schulen kann man davon auch nicht kaufen.

These: In Familien bleibt die Betreuungslast vor allem bei den Müttern.
Habe ich schon häufiger drüber geschrieben – verstehe ich nicht. Das ist nicht nur ein politisches Problem, sondern ein privates. Warum schaffen es Familien nicht, das gleichwertig aufzuteilen? Und jetzt kommt mir nicht mit, der Mann verdient mehr oder ist Abteilungsleiter – hier erwarte ich von Politik, Arbeitgebern und Familien, dass Voraussetzungen geschaffen werden, Betreuung gleich aufzuteilen. Ausnahme: Alleinerziehende, die sind glaube ich derzeit wirklich am Ar…
Aber: Wenn der Mann sich nach der Arbeit mit Bier aufs Sofa knallt und von Kindern und Haushalt nichts wissen will, ist das kein Problem, dass Politik lösen kann.

These: Homeschooling kommt noch als Last oben drauf.
Homeschooling als Begriff finde ich schon unklar. Wir machen kein Homeschooling. Es wird im Stoff nicht weitergegangen und alles, was gemacht wird, darf nicht bewertet werden. Bei uns waren es tägliche Hausaufgaben, Kontakt mit der Schule, Anrufe oder gar Haustürbesuche von Lehrerinnen. Ich habe Mathe und Deutsch kontrolliert und, wenn nötig, auch mal Rechenwege versucht zu erklären. Mehr ist meiner Ansicht nach Sache der Schule. Kein (Grund-)Schüler verliert Zeit oder Perspektiven, denn alle waren zu Hause. Für uns waren die täglichen Hausaufgaben super, um den Tag zu strukturieren.

These: Väter sind in der Betreuung unsichtbar.
Siehe oben. Verstehe ich nicht. Ich verstehe aber auch die Väter nicht, dass sie sich in der Firma und zu Hause nicht durchsetzen, mehr Betreuungsstunden zu machen. Und ich verstehe Mütter nicht, dass sich von der erwarteten Haltung, zu Hause zu bleiben, nicht befreien können und auch dem Mann nichts zutrauen (O-Ton einer Bekannten: Da bleib ich lieber zu Hause und mach es selber).
Ich glaube, meine Frau findet nicht alles gut, was ich mit den Kindern oder im Haushalt mache, ich mache es eben anders. Und umgekehrt. Aber das ist ein leistbarer Verlust, oder?

These: Konkret geht es um Care- Arbeit und Mental Load.
Wieder etwas, was bei uns einfach anders läuft. Was ich „früher“ einfach Kinder und Haushalt genannt habe, ist heute Care-Arbeit. Und was nebenher noch bedacht werden muss, nennt man heute Mental Load. Letzterem kann ich auch tatsächlich den Fakt abgewinnen, dass es das in dieser Definition gibt. Wenn man sich das Beispiel nimmt, Kind ist auf einem Kindergeburtstag eingeladen, was muss alles bedacht werden, von Bringen und Holen, über Geschenk besorgen und Kontakt zu den Eltern. Aber auch das ist von Vater und Mutter doch gleichermaßen zu machen, oder??
Bei beidem höre ich immer von den Männern, die sich nicht kümmern. Aber auch hier: Verstehe ich nicht. Selbst wenn es so wäre, dass der Mann später von der Arbeit kommt – was sollte ihn daran hindern noch Wäsche zu sortieren, zu kochen, aufzuräumen oder zu putzen? Derjenige Elternteil der mehr Zeit zu Hause ist, muss sich nicht jeden Schuh anziehen.

These: Männer sind grundsätzlich nicht an Haushalt und Kindererziehung beteiligt.
Den Eindruck könnte man haben, wenn man in diesem Internet unterwegs ist. Zumindest stellen viele Frauen ihre Männer so dar. Ich mich frage dann, warum die denn noch zusammen sind, wenn die Idee einer gleichgestellten Ehe und Elternschaft so dermaßen auseinander geht. Ich glaube, dass da immer zwei dazu gehören. Der Mann, der sich einbringen möchte und die Mutter, die das auch dementsprechend zulässt. Das „Patriarchat“ kommt hier um die Ecke wie eine große Verschwörung.
Ich frage mich aber auch, ob sich Väter, die sich bewusst nicht einbringen, nicht blöd vorkommen, wenn die Kinder mit allem erstmal zur Mama rennen.

These: Frauen haben die Meinungshoheit.
Auch da habe ich schon drüber geschrieben. Frauen haben bei Twitter oftmals den Anspruch der alleinigen Meinungshoheit. Zumal es ja sehr einfach ist, miteinander über DIE bösen Männer zu schreiben, die immer mehr verdienen, sich null um die Kinder kümmern und die Frauen mit allem alleine lassen. Wenn man da als Mann und Vater gegen schreibt, hat man keine Chance. Es wird einem nicht geglaubt, man wird verlacht, es wird einem die Kompetenz abgesprochen, überhaupt etwas dazuzusagen. Kein Wunder, dass viele die Lust verlieren und aus der Diskussion aussteigen. Mal sehen, wie das mit diesem Beitrag geschehen wird.


Resümee:

In diesem o.g. Klima werden keine Lösungen entwickelt. Ich habe bei den Damen, die die Rechnungen stellten schon vermisst, dass hier ein Katalog mit Lösungsvorschlägen präsentiert wird, der mehr beinhaltet als Geld. Dass mit so einer Aktion eine hohe Reichweite generiert werden kann, hätte man sich denken können, so bleibt leider eine PR-Aktion, die ein wenig im Shitstorm verpufft ist. Auch war der Ton direkt sehr feindselig und ableitend („fragt halt mal die Väter“). So wird es schwierig, eine große Vernetzung der Zielgruppe Eltern hinzubekommen. Und sei es mit konkreten Vorschlägen von mir aus an die Politik. Irgendwas zwischen Elterngeld, Zuschüsse für Betreuung, Steuerentlastungen, Lohnersatz oder Kündigungsschutz wäre doch bestimmt vernünftig zu formulieren gewesen, oder?

Grundsätzlich fehlt mir die Perspektive, wie das weitergehen kann. Bis zu den Sommerferien kriegen wir schon überbrückt, weil ich da einen verständnisvollen Arbeitgeber habe. Dann sind Ferien, in der wir durch Urlaub schon etwas abgefedert bekommen. Und dann?

Ein Gedanke zu “#Coronaelternrechnenab – der Versuch einer Einordnung

  1. In einem wichtigen Punkt möchte ich widersprechen: Im Stoff wird sehr wohl weitergegangen. Die Betreuung/ Beschulung zu Hause und die Kommunikationist dazu in unterschiedlichen Schulen sehr unterschiedlich geregelt. Ich habe da hier zwei Modelle zu Hause – Fünfte Klasse mit gut organisiertem Material, regelmäßigen Kontrollen, viel Kontakt (eMail, Chat, Videokonferenzen). Und dazu dritte Klasse mit lieblos und dazu fehlerhaft zusammengestelltem Material, immer in Paketen von zwei drei Wochen und zwischendrin keinem Kontakt. Wenn mal Kontrolle eingefordert wird, dann bitte in Papierform (hinfahren, in den Briefkasten der Schule werfen… soviel zum Thema „Online“). Der erste persönliche Kontakt des Lehrers während der gesamten Coronaschließung fand diese Woche statt und fiel flach aus. Da kommt echt Frust auf.

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