Das Giffey-Syndrom

Das Giffey-Syndrom ist ein aktuelles Phänomen aus meiner Twitter-Timeline. Neben meiner netten Aachener Gruppe folge ich vielen Fussball(fan)-Accounts, Jugendverbandler*innen, aber auch vielen feministischen Menschen, die über die Themen Vereinbarkeit, Gleichstellung, Diversität und Familie schreiben. Viele kluge und lesenswerte Frauen und Männer, die es mir aber gerade schwer machen, sie weiter zu lesen.

Mit dem Giffey-Syndrom ist gemeint, dass die o.g. Gruppe auf jedweden politischen Vorstoß, der die o.g. Themen betrifft, furienhaft reagiert und ihn niederschreit.

„Wieder für die Männer“ – „denkt mal einer an die Alleinerziehenden“ – „Gewalt gegen Frauen“ – „böse Väter“ – „es gibt wichtigere Themen“.
Ja, alles richtig, aber der Sache vorbei.

Die Sau, die durchs Dorf getrieben wird

Die aktuelle Sau, die durchs Internet getrieben wird, ist Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die die Gruppe der Eltern entlasten möchte, die vollen Unterhalt zahlen, aber trotzdem große Teile von Erziehung (und Kosten) im Rahmen des Umgangs übernehmen. Ich habe schon im Studium Anfang der 2000er gelernt, dass  das eines der Probleme ist, welches man seitens der Politik konkret anpacken sollte. Gründe sind Gleichstellung und gleichberechtigte Beziehung von Vater und Mutter zum Kind. Es geht um die Beseitigung von Ungerechtigkeit, das ist erstmal gut. Dass Giffey von „Vätern“ spricht ist nicht richtig, hat meine Filterblase leider ungefiltert so übernommen.

Ja, 3/4 der Trennungskinder bleiben bei der Mutter. Ja, viele Väter kümmern sich nicht oder zahlen keinen Unterhalt (warum kann man nicht dagegen angehen?). Aber: Väter haben immer noch perse schlechte Karten, wenn es um Verbleib der Kinder oder Umgangsrecht geht. Und: selbst wenn sie 50% übernehmen, das Kind bei ihnen wohnt etc. zahlen sie trotzdem den vollen Unterhalt. (und ja: viele Väter benehmen sich wie Arschlöcher und kümmern sich gar nicht. Aber das ist kein Grund, alle über einen Kamm zu scheren.)

Man kann sich streiten, ob dieses Thema jetzt das dringendste ist, welches angegangen werden muss – viele andere Baustellen, die Frauen und Mütter betreffen, sind wichtiger. Aber das jetzt niederbrüllen zu wollen, ist mir zuviel. Ja, ich kann über den Preis für den „Vater des Jahres“ lächeln, denn dieser tut, was eigentlich selbstverständlich ist – bei Twitter ist das ein großer Aufreger.

„Unterhaltszahlungen sollen der gesellschaftlichen Realität angepasst werden? Super! Die gesellschaftliche Realität ist: zwei Drittel der Väter nehmen keine Elternzeit. Ergo verbringen Mütter sehr viel mehr Zeit mit ihren Kindern (und mit unbezahlter Care Arbeit) als Väter, was zu weniger Gehalt und weniger Rente führt.“
https://twitter.com/vorsamer

Mag sein. Ich war bei unserem ersten Kind das erste Jahr zu Hause und arbeite seit Kind 2 in Teilzeit, während meine Frau wieder voll arbeitet. Den Hauptteil der Care Arbeit trage demnach ich und ich habe auch viel Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringen kann.

Aber dadurch, dass ich ein Mann bin, werde ich in einen Topf geworfen mit den bösen Männern und Vätern, die nur zwei Monate oder gar nicht in Elternzeit gehen, und dadurch ihrer Frau sämtliche Zukunftschancen verbauen (Achtung: überspitzt).
Da habe ich aber keine Lust drauf.

Meine Frau und ich machen das so, weil wir das untereinander so vereinbart haben. Wenn der Großteil der Familien das nicht so hinbekommt, ist das natürlich ein gesellschaftliches und auch ein politisches Problem und hat viele Gründe. Dadurch, dass Frauen weniger auf dem Arbeitsmarkt sind, fehlt eine wichtige Ressource. Und auch in den Familien und in der Erziehung fehlt die Ressource Mann/ Vater.

Zurück zum Giffey-Syndrom. Ich bin es leid. Ich habe keine Lust mehr, das zu lesen. Es wird kein Dialog geführt, sondern polemische und verallgemeinernde Reden gegen alle Männer, Väter und Politiker*innen, die nicht das tun, was Feminismus fordert. Feminismus hat meiner Meinung nach die Funktion, auf Missstände aufmerksam zu machen und politische Veränderungen herbeizuführen. Nicht, einen Kampf gegen Männer und Väter zu führen oder ein Problem in seiner Bedeutung gegen ein anderes aufzuwiegen.
Die Abschaffung einer Ungerechtigkeit verhindern zu wollen, weil es noch größere Ungerechtigkeiten gibt, hat nichts mit Feminismus zu tun.
Ich möchte das derzeit nicht lesen und musste leider dementsprechenden Accounts entfolgen. Das wird denjenigen egal sein, aber für mich ist es Psychohygiene. Ich spare die Energie lieber für unsere Kinder und unseren Haushalt auf, denn ich finde Care-Arbeit auch nicht schlimm…

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