Warum ich von Frauen im Netz gerade oft genervt bin

Um diese freche Überschrift zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen. Ich bin 39 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Kinder. Ich bilde mir ein, mit meiner Frau eine gleichberechtigte und gleichrangige Aufteilung aller Aufgaben in Haus(halt) und Erziehung hinzubekommen. Während meine Frau nunmehr seit vier Jahren in Vollzeit arbeiten geht, habe ich seitdem meine Stelle auf 75% reduziert, um noch mehr Zeit für o.g. Aufgaben zu haben.

Online habe ich vor allem bei Twitter viele Frauen abonniert, die ich sehr gerne lese (siehe Follow-Tipps unten) , weil sie über wichtige Themen viel Richtiges schreiben, manchen folge ich schon seit einigen Jahren. Teilweise sind das Frauen, die beruflich schreiben, aber auch private Bloggerinnen. Hierbei fällt mir auf, dass es – zumindest in meiner Onlineblase – kaum männliche Schreiberlinge gibt (Tipps erwünscht).

Frauen haben Meinungshoheit

Was ist der Anlass?
In den letzten Wochen schwappten mir einige Artikel und Schlagworte auf meine Bildschirme. Mental Load, Vereinbarkeitsungerechtigkeit, Geschlechterklischees, die durch Stillen zementiert werden, Carearbeit, working moms, Mütter, die Unwohlsein beklagen. Puh, schwierige Themen. Darunter dann ellenlange Kommentare von anderen Frauen, die in dieselbe Kerbe schlagen. Diskussionen, die von „falsche gesellschaftliche Strukturen“ hin zu „blöde Männer“ schwallen.

Ich möchte dann immer spontan zu allem auch etwas schreiben. Aber ich mache es nicht. Ich lese, was mit Männern passiert, die sich trauen, diese Themen zu kommentieren. Egal, in welche Richtung, sei erklärend, entschuldigend oder relativierend – sie haben keine Chance. Im besten Falle gehen sie unter in der Masse der Reaktionen. Die Meinungshoheit haben hier die Frauen. Das sind starke, gut vernetzte Meinungen, anklagend, verletzt, verletzend. Und ich frage mich, bin ich im falschen Film? Dürfen Männer ihre Meinung dazu nicht äußern? Hier schreibe ich jetzt trotzdem was auf, das ist schließlich mein Blog.

Mental load – gerade in Mode?

Worum geht es?
Es dreht sich um die Frage, warum in vielen Nicht-Alleinerziehenden Konstellationen die Frauen es sind, die Arbeiten und Verantwortungen übernehmen, die genauso von den Kindsvätern übernommen werden könnten. Und die dadurch dermaßen Einschränkungen und Belastungen erleben, dass sie sich (meine Vermutung) in Job und Freizeit überfordert und zuwenig wertgeschätzt fühlen.

Ich kenne das so nicht. Ich halte in unserer Familie die Strippen genauso in der Hand wie meine Frau. Ich denke an Termine, spreche Einladungen zu Kindergeburtstagen ab, schneide Fußnägel, wasche Lieblings-T-Shirts, telefoniere mit Turnvereinen usw. Und ich erlebe das nicht belastend. Ich erlebe es als Verantwortung, als Einfluss, ich erledige gerne Dinge auf ToDo-Listen im Kopf.

Dass diese Care-Arbeit nicht immer großen Spaß macht, mag sein, aber anteilmäßig musste man das ja bevor man Kinder bekam auch gemeinsam hinbekommen. Und mit der Kindszeugung habe ich automatisch einen weiteren lebenslangen Job dazu bekommen – so fasse ich Elternschaft auf. Wenn ich etwas für meine Kinder erledigt oder geregelt habe, gibt ihnen das Sicherheit – was gibt es Besseres? Meine Frau und ich scherzen derzeit oft, wenn wir etwas absprechen oder etwas erledigt ist „pass auf – mental load“. Mir ist hierbei auch wichtig meinen Kindern vorzuleben, dass es keine Typisch-Mann-, oder Typisch-Frau-Aufgaben gibt.
Ganz ehrlich: ich möchte da keinen Applaus für. Wofür denn? Ich möchte aber Ernst genommen werden als Mann, Vater, Erziehender. Ich habe nicht gestillt, aber das ist auch der einzige Unterschied.

Kriegen Väter es nicht hin?

Was ich mich frage:
Warum schaffen das andere Familien nicht?
Sind es Männer, die es mal drauf ankommen lassen, dass sich doch die Frau kümmert?
Sind es Frauen, die es lieber selber machen, weil sie glauben, dass der Mann es falsch, zu spät, anders macht?
Sind die Männer zu faul (oder schlau)?
Können Männer sich hinter ihrem Job verstecken?
Oder gibt es die stille Mehrheit und man liest nur von den Familien, wo es nicht gleichberechtigt zugeht? (letzteres glaube ich nicht, da gibt es bestimmt Studien zu).

Hierzu drei beliebige Aussagen aus meinem Bekanntenkreis:

„Mein Mann kann mit unseren Kindern nicht zum Schwimmen gehen, der ist Abteilungsleiter“ – sowas höre ich oft genug. Ok, aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?

„Mein Freund möchte, wenn er von der Arbeit kommt, erstmal in Ruhe gelassen werden“ – schön für ihn, aber zu Hause warten noch genügend andere Jobs.

„Mein Mann hilft mir zu Hause gar nicht – er trifft sich lieber mit seinen Jungs“ – ok, hast du den Mann auf dem Flohmarkt gekauft, oder habt ihr euch, bevor Kinder kamen, schon gekannt? Bespricht man nicht vor Zeugung oder Geburt von Kindern grundlegend, wie das Familienleben weitergehen wird?

Mein Mann macht das nicht so, wie ich es gerne hätte, dann mach ich es besser selber.“ – hierbei ging es um Haushaltsaufgaben. Ich finde, da muss Frau dann mit leben, dass Mann das anders macht.

Was ist das „working mums“-Konzept?

Ich arbeite selber mit 75% und muss selber allerhand, was die Familie und die Kinder angeht, in Büropausen oder auf dem Fußweg zum Kindergarten regeln. Telefonate, Terminchecks, Einkäufe, Einkaufslisten – alles nebenher. Meine Frau macht das aber auch. Sie ist also eine working mom – die Familie und Beruf hinbekommt?
Sorry, aber dieses Konzept verstehe ich nicht. Was ist denn so besonders an „moms“, dass sie „worken“? Ich bin auch „dad“ und „worke“, wenn auch nur in Teilzeit.
Ist das noch ein Rückgriff auf das letzte Jahrhundert, in dem die Mütter selbstverständlich zu Hause blieben und sich Familien das leisten konnten? Frauen sind genauso wie Männer hochausgebildet, haben langwierige und teure Studien und Berufsausbildungen hinter sich und dann ist es etwas besonderes, dass sie als Mutter wieder arbeiten gehen? In 2018?

Schlechtes Gewissen?

Ein Beispiel: Die Betreuungszeiten unseres Fünfjährigen im Kindergarten sind 7:15-16:15 Uhr. Er hasst es, als erstes oder als letztes Kind gebracht bzw. abgeholt zu werden. Das ist in den letzten drei Jahren meiner Erinnerung nach nur viermal vorgekommen. In der Regel sind wir gegen halb neun morgens im Kindergarten und ich hole ihn spätestens um 15:30 Uhr ab. Wird es später, bekomme ich schon Ärger. „Wo warst du so lange“ wird mir dann noch im Kindergartengang zugezischt.

Deswegen ein schlechtes Gewissen? Nein.
Ohne unsere beider Einkommen könnten wir uns grundlegende Dinge des Lebens nicht leisten. Haus, Essen, Auto, Spielsachen, Urlaub, diverse Kurse und Unternehmungen, spontanes Flohmarktshopping – das geht nur so – teile ich ihm dann mit. Aber das ist nicht das einzige: Während er bis in den Nachmittag mit seinen Freund*innen spielen kann, mache ich auch etwas, was ich gerne mache:
ich arbeite in einem Job, in dem ich gut und bin den ich gerne mache. Und ab nachmittags habe ich zu Hause einen Job, in dem ich gut bin und den ich gerne mache.
Was sollten wir zu Hause? Ganz ehrlich: klar sind kleine Menschen toll und spannend und geben viel – aber unser Leben endet ja nicht mit der Geburt der Kinder. Wir haben das Recht darauf uns trotzdem weiterzuentwickeln und im Job weiterzukommen. Dass beides für alle nebeneinander laufen kann, daran glaube ich.

Elitärer Feminismus

Ich habe einen Job, in dem ich so flexibel arbeiten kann, dass ich mir Zeit für die Kinder nehmen kann, wenn ich oder sie es brauchen. Meine Frau verdient so gut, dass wir uns meine Teilzeit leisten können.
Sicher gibt es viele andere Konstellationen, in denen das nicht so einfach geht (allein erziehend, finanzielle Unterschiede, Schichtdienst u.v.m.). Die dürfen jetzt gerne verbal einschlagen, wie polemisch und verallgemeinernd ich das geschrieben habe. Und dass ich gut reden habe, wir haben ja… (nur zwei Kinder, keine Not, sind Rabeneltern, sucht euch was aus). Die Zitate oben sind übrigens aus Familien mit ähnlichen Voraussetzungen bei Mann und Frau.
Egal, ich freue mich über Meinungen und lerne gerne dazu. Ich erwarte auch nicht, dass mir hier eine Mutter inhaltlich Recht gibt…

FollowFriday

Abschließend noch eine Twitter-Shortlist von Frauen, die ich gerne (auch zum Thema Feminismus) lese und mit euch teilen möchte, es ist ja #ff (FollowFriday):

Margarete Stokowski (https://twitter.com/marga_owski): schreibt Kolumnen für den Spiegel und hat auch zwei Bücher veröffentlicht.
Nicole Schöndorfer (https://twitter.com/nicole_schoen): Journalistin und Bloggerin aus Wien.
Mareice Kaiser (https://twitter.com/Mareicares): schreibt für ze.tt, ich lese ihren Blog und ihr Leben schon länger mit.
Teresa Bücker (https://twitter.com/fraeulein_tessa): schreibt (leitet) bei Edition F, hat immer einen großen Strauß mit feministischen Themen in petto.
Barbara Vorsamer (https://twitter.com/vorsamer): schreibt für die SZ, schonmal sehr eindringlich über Gewalt gegen Frauen.
Yvonne Everhartz (https://twitter.com/YvonneEverhartz): ist quasi Kollegin beim BDKJ, wir haben uns aber noch nie persönlich gesehen.
Eva Schulz (https://twitter.com/evaschulz): moderiert bei Deutschland 3000 und erklärt für junge Menschen Politik.
Sigi Maurer (https://twitter.com/sigi_maurer): wurde online sexistisch beleidigt, wehrte sich, wurde deswegen verurteilt.
Anna Grebe (https://twitter.com/agrebea): kommt aus meinem Jugendverband, macht was mit diesen Medien.

Edit: Fotos im Artikel gelöscht, weil sie in der mobilen Ansicht störten.